Leistungseinbruch beim Azubi: Hemmende und fördernde Faktoren für Industriemeister

4. Feb. 2026

Kevin neben der Spur

Es war Montag, kurz nach der ersten Pause. In der Kaffeeecke der Instandhaltungshalle roch es nach billigem Filterkaffee und nassem Beton. Die Stimmung war so grau wie das Wetter draußen vor den Rolltoren.

Mark Solberg stand an der Werkbank und rieb sich die Schläfen. Vor ihm lag der Schaltschrank für die neue Lüftung in Halle 2. Oder besser gesagt: Ein Schlachtfeld aus Drähten. „Guck dir dat Trauerspiel an“, grollte Werner und deutete mit seinem Schraubendreher auf Kevin-Pascal, der im Hintergrund lustlos den Boden fegte. Dabei war er gerade schon zum zweiten Mal gegen die Werkbank gelaufen, als wäre er betrunken.

„Dat is keine Verdrahtung, dat is Spaghetti Bolognese“, schimpfte Werner weiter. „Mark, der Junge baut körperlich und geistig total ab. Letzte Woche war er noch halbwegs zu gebrauchen, heute ist er ein Totalausfall. Ich sag’s dir: Zu viel Party am Wochenende. Die Jugend zockt die ganze Nacht PlayStation und säuft Energy-Drinks. Das sind diese hemmenden Faktoren, von denen du immer laberst!“

Mark seufzte. „Ich weiß nicht, Werner. Er wirkt nicht verkatert, eher... leer. Völlig fertig. Wenn wir jetzt nur Druck machen, verstärken wir das Problem vielleicht noch.“

Kalle, der Betriebsrat, kam mit seiner Tasse dazu. Er hatte das Gespräch gehört. „Lasst den Jung’ mal in Ruhe. Werner, deine Hobby-Diagnose kannst du stecken lassen. Ich hab vorhin draußen beim Rauchen mit ihm geredet.“

Werner zog eine Augenbraue hoch. „Und? Hat er Liebeskummer oder ist das iPhone kaputt?“

„Schlimmer“, sagte Kalle leise. „Seine Mutter ist letzte Woche ins Krankenhaus gekommen. Verdacht auf was Ernstes. Der Junge schmeißt den Haushalt für seine zwei kleinen Geschwister gerade ganz allein. Vater ist ja schon lange weg.“

Mark ließ die Hände sinken. „Verdammt.“ Er sah zu Kevin rüber, der fast über den Besen stolperte. „Das erklärt alles. Laut Lehrbuch sind schwere Erkrankungen in der Familie massive hemmende Faktoren für die Entwicklung. Sein Kopf ist voll mit Angst und Sorgen, da ist kein Platz für Klemmenpläne und DIN-Normen.“

Werner wirkte plötzlich etwas kleiner in seinem Blaumann. Er kratzte sich am Nacken. „Ja gut... dat is mies. Aber wir sind hier inne Firma, nich bei der Caritas. Was sollen wir machen? Ihn in Watte packen?“

„Nein“, entschied Mark. „Aber wir müssen den Teufelskreis durchbrechen. Im Moment wirken nur hemmende Faktoren auf ihn ein: Angst um die Mutter (privat) und dein Gemecker (beruflich). Das drückt die Leistung auf Null. Wir müssen fördernde Faktoren dagegenstellen.“

Werner schnaubte, aber weniger aggressiv als sonst. „Soll ich ihm Pralinen kaufen?“

„Nein. Aber wir machen Folgendes: Ich nehme Druck raus und kläre, ob er flexible Zeiten braucht für die Geschwister. Das schafft Vertrauen. Und du“, Mark zeigte auf Werner, „du gibst ihm heute keine komplexe Steuerung, an der er scheitert. Lass ihn das Lager sortieren oder einfache Kabel konfektionieren. Er braucht ein Erfolgserlebnis. Er muss merken: ‚Wenigstens hier klappt was‘.“

Kalle nickte anerkennend. „Richtig. Wenn er merkt, dass die Truppe ihn auffängt, ist das ein massiver Förderfaktor.“

Werner brummte und steckte den Schraubendreher weg. „Na gut. Ich hol ihn mal vom Besen weg. Bevor er sich damit noch selbst k.o. schlägt.“


2. Das Wissen: Einflussfaktoren auf die Entwicklung

Für die IHK-Prüfung (AEVO / BWH) musst du verstehen, warum Leistung schwankt. Ein Mitarbeiter ist keine Maschine, die immer konstant 100% liefert. Die Entwicklung wird maßgeblich von zwei gegensätzlichen Kräften beeinflusst.

A. Hemmende Faktoren (Die Bremsen)

Diese Einflüsse blockieren die Leistungsfähigkeit und die Lernbereitschaft. Sie können aus dem privaten Umfeld (exogen) oder der Person selbst (endogen/autogen) kommen.

  • Familiäre Krisen: Krankheit, Tod, Scheidung, Pflege von Angehörigen (wie bei Kevin).
  • Soziale Probleme: Mobbing am Arbeitsplatz, Einsamkeit, falscher Freundeskreis.
  • Gesundheit: Chronische Schmerzen, Schlafmangel, Suchtprobleme.
  • Führungsfehler: Überforderung, ständige Kritik, fehlende Anerkennung ("Meckern ist Lob genug").

Die Gefahr: Wenn auf private Hemmnisse (Mutter krank) auch noch betriebliche Hemmnisse (Werners Druck) treffen, führt das zur Überlastung oder inneren Kündigung.

B. Fördernde Faktoren (Der Treibstoff)

Das sind Einflüsse, die die Entwicklung positiv unterstützen und Reserven mobilisieren.

  • Erfolgserlebnisse: Aufgaben, die fordern, aber bewältigbar sind (Flow-Erlebnis).
  • Soziale Einbindung: Das Gefühl, Teil eines Teams zu sein ("Wir halten zusammen").
  • Anerkennung: Lob für geleistete Arbeit, Wertschätzung der Person.
  • Sichere Rahmenbedingungen: Arbeitsplatzsicherheit, Verständnis für private Notlagen.

C. Aufgabe der Führungskraft

Mark wendet hier intuitiv das Richtige an:

  1. Analysieren: Nicht vorschnell urteilen (Faulheit vs. Krise).
  2. Gegensteuern: Wenn das Privatleben hemmt, muss der Betrieb fördern (Druck raus, Routineaufgaben geben).
  3. Teufelskreis brechen: Kritik in einer Krise drückt den Mitarbeiter noch tiefer in das Leistungstief.

3. RemNote Lernkarten

Kopiere diesen Block direkt in RemNote. Die Einrückung verknüpft das Szenario automatisch mit den Fakten.

- **Szenario: Kevin neben der Spur (Hemmende & Fördernde Faktoren)**
    - Was sind hemmende Entwicklungsfaktoren? == Negative Einflüsse, die Leistung/Lernen blockieren (z.B. familiäre Krisen, Krankheit, Mobbing, ständige Kritik).
    - Was sind fördernde Entwicklungsfaktoren? == Positive Einflüsse, die Leistung/Lernen unterstützen (z.B. Erfolgserlebnisse, Lob, soziales Eingebundensein, Vertrauen).
    - Wie reagiert man als Führungskraft auf private Krisen (hemmende Faktoren)? == Druck reduzieren, Verständnis zeigen, machbare Aufgaben (Erfolgserlebnisse) geben, sozialen Rückhalt bieten.
    - Warum ist ständige Kritik in einer Krise gefährlich? == Sie verstärkt die Hemmung ("Teufelskreis") und kann zum völligen Leistungseinbruch oder zur inneren Kündigung führen.
    - Welche drei Bereiche beeinflussen die Entwicklung (Formel)? == Anlage (Gene), Umwelt (Umfeld/Betrieb), Selbststeuerung (Wille).

4. Jupps Notiz

"Hömma, dat is wie beim Getriebe: Wenn da Sand drin ist (die privaten Sorgen), dann hilft es nich, wenn du mit dem Hammer draufhaust (Druck vom Chef). Dann geht nur mehr kaputt. Du musst Öl reinkippen (Verständnis) und die Last runternehmen, bis der Sand raus is. Sonst frisst sich der Kolben fest."

5. Substack CTA

🚀 Willst du tiefer in die Welt von Eisenbruch eintauchen?

Um die Charaktere, die Konflikte in Halle 3 und die Hintergründe von Werner, Mark und Dr. Müller wirklich zu verstehen, solltest du unseren Newsletter abonnieren. Auf Substack erzählen wir die wöchentlichen Geschichten hinter dem Lernstoff – emotional, rau und mitten aus dem Betrieb.

👉Hier geht's zur Eisenbruch-Story auf Substack

Eisenbruch | Tobias Prevoo | Substack
Eine fiktive Fabrik, echte Probleme: Wir begleiten eine Instandhaltung durch den täglichen Wahnsinn. Leadership & Technik als Story verpackt. Click to read Eisenbruch, by Tobias Prevoo, a Substack publication. Launched 24 days ago.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Lernzwecken für die IHK-Prüfung und stellt keine Rechtsberatung oder offizielle Lernmaterialien dar. Trotz sorgfältiger Recherche keine Gewähr für Richtigkeit.

Tags

Tobias Prevoo

16 Jahre Instandhaltung. In Eisenbruch verarbeite ich die Essenz aus tausenden Arbeitsstunden zwischen Rost und Realität. Die Geschichten sind überspitzt, der Kern ist wahr.