Arbeitsrecht-Falle: Warum der Handschlag beim befristeten Vertrag teuer wird

2. Feb. 2026

🏭 Das teuerste "Ja" der Woche

Ort: Meisterbüro Halle 3. Geräuschkulisse: Das rhythmische Stampfen der Exzenterpressen dringt gedämpft durch das Glas. Es riecht nach altem Kaffee und Schmierfett.

Ralf, der Schichtleiter der Produktion, wischt sich aggressiv das Öl von den Händen an einem Lappen ab. Er sieht aus, als hätte er drei Nächte nicht geschlafen.

„Mark, hör mal“, bellt er, ohne aufzublicken. „Der Neue, der Toni, der nervt. Der steht dauernd hier auf der Matte und will was Schriftliches. Ich hab dem doch gesagt: ‚Du fährst hier drei Monate Stapler, kriegst deinen Tariflohn, und dann sehen wir weiter.‘ Handschlag drauf, fertig. In Deutschland gilt der mündliche Vertrag, das weiß doch jedes Kind!“

Mark lehnt am Türrahmen, den Helm unter dem Arm. „Grundsätzlich hast du recht, Ralf. Ein Arbeitsvertrag ist an keine Form gebunden. Der kann mündlich, schriftlich oder sogar durch schlüssiges Handeln entstehen. Aber ganz ohne Papier ist das Eis verdammt dünn.“

Bevor Ralf antworten kann, schiebt sich Kalle, der Betriebsratsvorsitzende, an Mark vorbei ins Büro. Er grinst breit – das Grinsen eines Mannes, der genau weiß, wo die Minen liegen.

„Dünnes Eis? Ralf, du bist gerade eingebrochen“, sagt Kalle und setzt sich ungefragt auf den Besucherstuhl. „Sag mal, hast du ihm die Befristung – also die drei Monate – vor Arbeitsbeginn schriftlich gegeben und unterschreiben lassen?“

Ralf verdreht die Augen. „Kalle, ich hab Produktionsdruck! Die Hütte brennt! Ich kann nicht erst warten, bis Julia im HR den Drucker anwirft. Ich hab ihm gesagt: ‚Drei Monate Aushilfe‘. Er hat ‚Ja‘ gesagt. Das ist ein Vertrag!“

„Das ist ein Vertrag, ja“, nickt Kalle ruhig. „Aber pass mal auf: Für einen normalen Arbeitsvertrag reicht der Handschlag. Aber das Teilzeit- und Befristungsgesetz sagt ganz klar: Die Befristung eines Arbeitsvertrages bedarf zwingend der Schriftform.“

Mark stutzt. Er kramt in seinem Gedächtnis, das gerade frisch mit IHK-Stoff gefüttert wurde. „Warte mal... Das heißt, der Arbeitsvertrag an sich ist gültig, weil er mündlich geschlossen wurde. Aber die Abrede, dass er nach drei Monaten endet, die ist ungültig, weil sie nicht schriftlich war?“

„Exakt, mein Junge“, sagt Kalle und tippt sich an die Schläfe. „Wenn du die Schriftform bei der Befristung versäumst, dann ist die Befristung nichtig. Aber der Arbeitsvertrag bleibt bestehen. Und was passiert dann nach § 16 TzBfG?“

Ralf wird langsam blass unter dem Ruß im Gesicht. „Sag bloß nicht...“

„Doch“, sagt Kalle gnadenlos. „Kraft Gesetzes ist automatisch ein unbefristetes Arbeitsverhältnis entstanden. Herzlichen Glückwunsch, Ralf. Du hast Toni gerade fest eingestellt. Unkündbar bis zur Rente, solange er keine goldenen Löffel klaut.“

Ralf sinkt auf seinem Stuhl zusammen. „Ich geh zu Dr. Müller. Der reißt mir den Kopf ab.“


📚 Das Wissen: Formvorschriften im Arbeitsrecht

Für Industriemeister ist dieser Fall ein Klassiker in der Prüfung "Rechtsbewusstes Handeln". Hier sind die Fakten, die Ralf das Genick gebrochen haben:

1. Grundsatz der Formfreiheit

Ein Arbeitsvertrag bedarf grundsätzlich keiner besonderen Form. Er kann mündlich (Handschlag) oder sogar konkludent (Mitarbeiter fängt an zu arbeiten, Chef duldet es) geschlossen werden.

  • Merke: Das "Ob" (die Einstellung) funktioniert ohne Papier.

2. Die Falle: Das Schriftformgebot bei der Befristung

Will der Arbeitgeber den Vertrag zeitlich begrenzen, greift eine strenge Ausnahme. Gemäß § 14 Abs. 4 TzBfG (Teilzeit- und Befristungsgesetz) bedarf die Befristung zwingend der Schriftform.

  • Wichtig: Die Unterschrift muss vor Arbeitsaufnahme erfolgen!

3. Die Rechtsfolge (§ 16 TzBfG)

Hier schnappt die Falle zu. Wird die Befristung nur mündlich vereinbart (Formmangel), passiert Folgendes:

  • Die Befristungsabrede ist nichtig (ungültig).
  • Der Arbeitsvertrag an sich bleibt aber wirksam.
  • Ergebnis: Es entsteht kraft Gesetzes ein unbefristeter Arbeitsvertrag.

4. Das Nachweisgesetz (NachwG)

Selbst wenn Ralf Toni unbefristet hätte einstellen wollen: Ganz ohne Papier geht es nie lange gut. Das Nachweisgesetz verpflichtet den Arbeitgeber, die wesentlichen Vertragsbedingungen (Lohn, Arbeitszeit, Urlaub, Kündigungsfristen) spätestens einen Monat nach Beginn schriftlich niederzulegen, zu unterzeichnen und dem Arbeitnehmer auszuhändigen. Verstöße können zu Bußgeldern führen.


🧠 RemNote Lernkarten

Kopiere diesen Block direkt in deine Lern-App:

Formvorschrift Arbeitsvertrag :: Grundsätzlich **formfrei** (mündlich wirksam), aber Ausnahmen beachten!
Formvorschrift Befristung (Arbeitsvertrag) :: Zwingend **Schriftform** (§ 14 Abs. 4 TzBfG) **vor** Arbeitsaufnahme.
Rechtsfolge bei mündlicher Befristung :: Die Befristung ist unwirksam, der Vertrag gilt als **unbefristet** geschlossen (§ 16 TzBfG).
Nachweisgesetz (Pflicht des AG) :: Wesentliche Vertragsbedingungen müssen ab dem ersten Tag der Beschäftigung in Schriftform dargelegt werden.

💡 Jupps Notiz

"Merk dir dat für die Schicht: Den Handschlag nimmste zum Begrüßen. Aber wenn du willst, dass einer auch wieder geht, brauchst du Tinte. Wer befristet, muss schreiben – sonst bleibter!"

🚀 Willst du tiefer in die Welt von Eisenbruch eintauchen? Um die Charaktere, die Konflikte in Halle 2 und die Hintergründe von Werner, Mark und Dr. Müller wirklich zu verstehen, solltest du meinen Newsletter abonnieren. Auf Substack erzähle ich die wöchentlichen Geschichten hinter dem Lernstoff – emotional, rau und mitten aus dem Betrieb.

👉Hier geht's zur Eisenbruch-Story auf Substack

Eisenbruch | Tobias Prevoo | Substack
Eine fiktive Fabrik, echte Probleme: Wir begleiten eine Instandhaltung durch den täglichen Wahnsinn. Leadership & Technik als Story verpackt. Click to read Eisenbruch, by Tobias Prevoo, a Substack publication. Launched 24 days ago.

Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich Lernzwecken für die IHK-Prüfung und stellt keine Rechtsberatung oder offizielle Lernmaterialien dar. Trotz sorgfältiger Recherche keine Gewähr für Richtigkeit.

Tags

Tobias Prevoo

16 Jahre Instandhaltung. In Eisenbruch verarbeite ich die Essenz aus tausenden Arbeitsstunden zwischen Rost und Realität. Die Geschichten sind überspitzt, der Kern ist wahr.